Professor Yoshifumi Miyazaki von der Universität in Chiba, Japan, ist renommierter Wissenschaftler und liebt es, Bäume zu umarmen. Weshalb? Weil er die heilsame Wirkung von Bäumen auf uns Menschen beweisen kann.

„Die heilsame Kraft des Waldes“, „Waldbaden“, „Kraftort Natur“. Diese Buchneuheiten schicken uns raus in die Natur. Warum? Weil uns das offensichtlich gut tut. Mehr als nur gut tut. Weil es, ganz konkret gesprochen, für uns auf längere Sicht überlebenswichtig zu sein scheint. Dies verdeutlichen die wissenschaftlichen Studien des Japaners Yoshifumi Miyazaki, dem führenden Experten auf dem Gebiet der Waldtherapie-Forschung und stellvertretenden Direktors des Zentrums für Umwelt, Gesundheit und Feldforschung in Chiba. Und dass Japan allgemein führend in diesem Forschungszweig ist und hier viel Geld investiert, kann fast nicht überraschen. Mehr als 249’850 Quadratkilometer der Landesfläche sind bewaldet, 69 Prozent der Gesamtfläche. Nur Finnland und Schweden weisen eine ähnlich hohe Walddichte auf. Japan ist dabei auch noch eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt. Vielleicht ist deshalb die Bindung der Menschen zur Natur, vor allem zu Bäumen, in Japan so eng.

Gemeinsam Tee pflücken und im Wald meditieren

In Japan widmen sich immer mehr Menschen dem „Shinrin Yoku“. Ursprünglich aus der Intuition heraus entstanden, ist das „Waldbaden“, der bewusste (mindestens zweistündige) Aufenthalt in der Natur, in Japan heute eine anerkannte Form der Präventivmedizin. Man besucht zum Beispiel gemeinsam Wälder, spaziert, bewegt sich und meditiert. Man reist zu terrassierten Reisfeldern und heißen Quellen, pflückt in Gruppen Tee, betrachtet die Kirschblüten, die Laubfärbung im Herbst, die Sterne am Nachthimmel, reitet aus, organisiert Picknicks oder besucht Aromaworkshops. Es gibt bereits über 60 offizielle Waldtherapie-Spazierwege in Japan, die die Forest Therapy Society dem Ausüben des Shinrin Yoku vorbehält. Der Begriff „Shinrin Yoku“ wurde bereits 1982 von dem Leiter der japanischen Forstwirtschaft, Tomohide Akiyama, geprägt. Professor Yoshifumi Miyazaki, 64, ist derzeit der weltweit führende Shinrin-Yoku-Experte und erforscht, warum sich der Aufenthalt in der Natur so positiv auf uns Menschen auswirkt.

Die Natur – unser natürliches Zuhause

Um 1800 lebten nur rund drei Prozent der Weltbevölkerung in Städten. 2016 waren es zirka 54 Prozent. Die Prognose der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen sagt voraus, dass es 2050 bereits rund zwei Drittel sein werden. Miyazaki schreibt in seinem Buch „Shinrin Yoku – Heilsames Waldbaden“, dass sich unsere Körper noch immer nicht an die künstliche Umgebung angepasst haben. Seine wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass unser Körper die Natur noch immer als sein natürliches Zuhause erkennt, in der er sich ganzheitlich erholen und Kraft schöpfen kann. So kommt es, dass unser sympathisches Nervensystem stets unmerklich überreizt würde. Hinzu kommt der immer schneller werdende Lifestyle und „Technostress“, die Überreizung durch die moderne Technologie. Die Studienergebnisse bringen jetzt auch die Neugierde von Stadtplanern rund um den Globus auf den Plan. So ist etwa das Ziel von Singapur bis 2030, dass mindestens 85 Prozent der Einwohner nur mehr 400 Meter von begrünten Zonen oder Parks entfernt leben sollen. Es ist eines von zahlreichen zukunftsweisenden Projekten.

Professor Yoshifumi Miyazaki, 64, Universitätsprofessor, Forscher und stellvertretender Direktor des Zentrums für Umwelt, Gesundheit und Feldforschung an der Chiba Universität in Japan

Heilsames Bäume-Umarmen

„Shinrin Yoku“ zeigt uns also Wege auf, was wir tun können, damit sich unser System wieder regulieren kann: uns wieder vermehrt mit der Natur verbinden und sie dabei ganz bewusst mit allen fünf Sinnen wahrnehmen und erleben. Wissenschaftler aus Pennsylvania haben übrigens nachgewiesen, dass bereits selbst der Blick aus dem Fenster ins Grüne eine heilsame Wirkung haben kann. Und auch das simple Umarmen eines Baumes. Das Bäume-Umarmen pflegt Professor Miyazaki etwa auch selbst regelmäßig. Beim direkten Kontakt mit Bäumen, so der Experte, können wir die Wärme des Stammes spüren und die Strukturen der Rinde erstasten. Seine Laborexperimente zeigen, dass sich dabei unser Gehirn und der Rest des Körpers ganz von alleine sofort in die Entspannung begeben.

***

Interview mit Professor Yoshifumi Miyazaki, 64, Universitätsprofessor, Forscher und stellvertretender Direktor des Zentrums für Umwelt, Gesundheit und Feldforschung an der Chiba Universität in Japan

Was ist „Shinrin Yoku“?
Unter Shinrin Yoku versteht man verschiedene Aktivitäten, die Menschen ausüben können, um sich wieder mit der Natur zu synchronisieren und zu harmonisieren. In Japan wurden bereits diverse Shinrin Yoku-Programme entwickelt.

Was beinhalten diese?
Das Basis-Training besteht aus langsamem Gehen und Sitzen. Einige fokussieren während des Aufenthaltes in der Natur auf eine tiefere Atmung, andere bieten Nordic Walking, Yoga, Stretching, Meditation und Bäume-Umarmen an, veranstalten Picknicks und vieles andere mehr. Es gibt auch Touren, da werden die Wolkenformationen oder der Nachthimmel beobachtet. Man sitzt manchmal auch an einem Wasserfall, badet und spielt im Wasser oder lauscht Konzerten im Wald.

Warum brauchen wir alle eine „Waldtherapie“?
Unsere moderne Gesellschaft ist voller Stress. Von den Untersuchungen an Fossilien wissen wir, dass wir Menschen seit rund sieben Millionen Jahren existieren. Wenn wir uns einig sind, dass die Urbanisierung etwa gleichzeitig mit der industriellen Revolution begonnen hat, ist diese erst 200 bis 300 Jahre alt. Wir Menschen haben also über 99.99 Prozent unseres Daseins in der Natur verbracht. Unsere Gehirne, unsere Körper, und ja, auch unsere Gene sind der Natur angepasst. Alleine das Leben in einer künstlichen Umgebung stellt für uns moderne Menschen bereits Stress dar. Wir nehmen dies nur nicht bewusst wahr. Diese Stressreaktion bezieht sich auf das Fehlen unseres natürlichen Lebensraumes, der Natur. Hier setzt die Waldtherapie an.

Was bewirkt das Waldbaden konkret?
Der permanente Stress, der eine künstliche Umgebung bei uns hervorruft, schwächt unser Immunsystem und kann uns auf Dauer krank machen. Das Waldbaden hilft hier präventiv und verringert in einem zweiten Schritt auch medizinische Kosten. Die Waldtherapie wirkt sich positiv auf das Stressniveau aus, unser Immunsystem erstarkt und wir werden weniger anfällig. Wer Meditation, Yoga und andere Entspannungs- und Wellbeing-Methoden in der Natur ausübt, profitiert davon, dass der Körper sich im Freien sofort automatisch zu entspannen beginnt. Dennoch kann ich nicht sagen, dass das Waldbaden schwere Erkrankungen wie etwa Krebs zu heilen vermag.

Wie oft sollte man Shinrin Yoku praktizieren?
Das ist schwierig einzuschätzen, da wir dazu noch keine gezielte Forschung betrieben haben. Aber ein ganztägiger Aufenthalt im Wald bewirkte bei vielen unserer Bluthochdruck-Patienten etwa, dass der Blutdruck senkende Effekt noch ganze fünf Tage anhielt. Ein Tag Shinrin Yoku kurbelte etwa auch längerfristig die Immunfunktion an, wobei Männer hier mehr zu profitieren scheinen, als Frauen. Bei Männern hielt der Effekt im Schnitt einen Monat an, bei Frauen eine Woche.

Wie kann man das Leben in künstlicher Umgebung für sich gesünder gestalten?
Indem man möglichst viele natürliche Elemente in seinen Lebensstil einbaut, die man selbst gerne mag. Dinge aus Holz, Blumen, auch Schnittblumen oder die Anwendung von Aromatherapie mit rein natürlichen Ölen. Naturtherapie wirkt auch dadurch, dass wir etwas aktiv mögen. Und auch der Schritt auf die begrünte Veranda, in den Garten oder in einen Park kann bereits sehr hilfreich sein. Wir haben in unseren Untersuchungen festgestellt, dass schon kleine Elemente aus der Natur, wie etwa eine Vase mit Schnittblumen, einen positiven Effekt auf unsere Physiologie ausüben.

Stress oder Depression werden zu immer größeren Themen in unserer Gesellschaft, vor allem auch bei jungen Menschen. Wird Shinrin Yoku wichtiger denn je für uns?
Ja. Junge Menschen haben oft weniger Kontakt zur Natur als früher. Verwundert es da, dass sie gestresster sind? Nein. Wir haben etwa Versuche mit Kindern aus der Oberstufe durchgeführt. Dabei durften sie Rosen und grüne Blätter beobachten. Dabei konnten wir einen Anstieg des parasympathischen Nervensystems messen, der ja im Zusammenhang mit Entspannung steht. Gleichzeitig stellten wir eine Verringerung des sympathischen Nervensystems fest, der im Zusammenhang mit Stress seht. Nur wenn diese Kinder also schon einzelne Pflanzen sahen, entspannten sie sich. Es wäre also alles gar nicht so schwierig. Das schenkt Hoffnung. Aber die Wissenschaft auf diesen Gebieten muss mit aller Kraft vorangetrieben werden.

***

Autorin des Textes: Kristina Köhler // Dieser Text ist zuerst erschienen in der FOGS-Herbstausgabe 2018 – hier nachbestellen.

Die neue FOGS-Ausgabe für Winter 2018 findest du hier.