Spieglein, Spieglein in der Hand… Selbstporträts per Smartphone bestimmen mehr und mehr unser Leben. Sind wir alle Narzissten oder sind Ich-Kampagnen in sozialen Netzwerken ein Schrei nach Liebe?

Eine Urlaubserinnerung riss das Paar in den Tod. Zwei Australier wollten kürzlich einen Schnappschuss an den Klippen in Ericeira, einem Badeort nahe Lissabon, machen. Doch dann wurde ihnen das Selfie vor der Traumkulisse zum Verhängnis: Laut Behörden deutet alles darauf hin, dass den Touristen das Smartphone aus der Hand fiel und sie beim Versuch, es aufzufangen, 40 Meter in die Tiefe stürzten und starben. Dieser tragische Fall ist kein Einzelschicksal. Zwischen März 2014 und September 2016 kamen weltweit mehr als 120 Menschen um, während sie ein Foto von sich selbst machten.

Selbstporträts sind die neuen Statussymbole

Die Unglücksfälle drücken drastisch aus, in was für einer Zeit wir leben: Selbstporträts vor spektakulären Kulissen sind Statussymbole, die eine ungeheure Bedeutung für uns haben und über die wir uns definieren: „Mein Haus, mein Boot, mein Selfie an der Antarktis.“ Soziale Netzwerke wie Instagram ermöglichen es, Erlebnisse permanent zu teilen und auf die Jagd nach Likes, also Anerkennung, zu gehen. Sind wir alle Ich-verliebt? Der Gedanke liegt nahe, doch so einfach ist es nicht! Melanie Pittinger, Autorin des Buchs „Als ich lernte meinen Hintern zu lieben, war mein Leben eine runde Sache“ ist überzeugt, dass eine selbstbewusste Darstellung nach außen nicht mit Selbstliebe gleichzusetzen ist. Im Gegenteil! Laut der Autorin haben Menschen, die sich bedingungslos lieben, seltener das Verlangen nach Anerkennung von außen. „Der Selfie-Boom ist ein Schrei nach Liebe. Ich stelle mich selbst besonders hübsch dar und hoffe dadurch auf Resonanz“, so Pittinger in einem Interview. Eunike Wetzel von der Universität Konstanz untermauert diese Annahme im Fachmagazin ‚Psychological Science‘: „Unsere Untersuchungen zeigen, dass Narzissmus in der Gesellschaft gesunken ist, und zwar kontinuierlich über die vergangenen 25 Jahre.“

Historische Selfies: Einst Kunst, heute Mainstream

Eine Erfindung der Neuzeit sind Selbstporträts natürlich nicht: Seit der Renaissance entstanden beeindruckende Selbstbildnisse, etwa die des bekannten Malers Albrecht Dürer. Er zeigte sich mit modischer Kleidung, feinen Gesichtszügen und glänzendem langen Haar. Die Kunstwerke brachten ihm damals viel Anerkennung – und vor allem neue Aufträge: Wer zu einem so schönen Blick auf sich selbst fähig war, dem traute man auch zu, das Besondere bei einem selbst zu entdecken. So gesehen haben die Gemälde etwas mit den modernen Selfies gemein: Es geht darum, sich zu präsentieren, um andere von den eigenen Vorzügen und Qualitäten zu überzeugen. Jahrhunderte lang war man auf die Hilfe von Künstlern und Fotografen angewiesen, um ein ideales Selbstbild von sich zu erzeugen. Erst das digitale Zeitalter und das Smartphone machten es jedem Menschen möglich, selbst ein Foto von sich zu produzieren und zu verbreiten. Laut Pamela Rutledge, Direktorin des US-amerikanischen Forschungszentrums für Medienpsychologie (MPRC) tauchten digitale Selbstbildnisse unter dem Namen «Selfie» erstmals 2004 auf den Internet-Plattformen Flickr und MySpace auf. Inzwischen steht das Wort sogar im Duden.

Unsere moderne Welt ist bestimmt von Bildern und Vergleichen: Jeder postet permanent die beste Version seiner selbst und das führt zu einem hohen Frustrationslevel. „Wir lechzten danach, jünger, dünner, schöner zu sein“, sagt Philosophie-Professorin Heather Widdows. In ihrem Buch „Perfect me“ schreibt sie, dass der Druck auf Frauen stärker ist als je zuvor: Auf sein Aussehen zu achten, sei längst kein oberflächliches Ziel mehr, sondern ein ethisches. Wenn eine Frau dem gesellschaftlichen Ideal nicht entspricht, empfindet sie sich meist als minderwertig – und wird auch oft so wahrgenommen.

Spontane Schnappschüsse? Von wegen!

Selfies ermöglichen es uns, Ich-Kampagnen zu inszenieren und aus uns selbst eine Marke zu machen: Bestes Beispiel ist der Hype um Social-Media-Stars auf Instagram und YouTube. So demokratisch der Fortschritt auch ist – jeder kann plötzlich Promi sein – er birgt auch Gefahren: Die Flut an perfekten Bildern hat mit der Wirklichkeit nämlich gänzlich wenig zu tun. Schön spontan sollen die Schnappschüsse wirken, in Wahrheit sind sie aber mühevoll inszeniert und nachträglich aufgehübscht: Psychologin Sarah J Gervais von der University of Nebraska schrieb auf der Website von „Psychology Today“: „Ich würde gerne glauben, dass Instagram einen leisen Widerstand gegen die Flut der perfekten Bilder bietet, der wir Tag für Tag ausgesetzt sind. Statt uns in Magazinen, im Fernsehen und auf Websites mit diesen Kunstprodukten (und in der Regel sind es Kunstprodukte von Photoshop) bombardieren zu lassen, die alle nur unsere Unzufriedenheit füttern, könnten wir unseren Instagram-Kanal durchsehen und Bilder von echten Menschen sehen – die in ihrer Unterschiedlichkeit schön sind.“

Im Rausch der Anerkennung: Wenn Selbstoptimierung süchtig macht

Und warum tun wir das nicht einfach? Eine Antwort findet die Soziologin Bernadette Kneidinger von der Universität Bamberg: Für eine Studie hat sie Facebook-Nutzer befragt, wie sie im Netzwerk mit Fotos interagieren. Das Ergebnis: Die Bilder sollen zeigen, wer man wirklich ist, beziehungsweise sein will. Mit Selfies habe man das im wahrsten Sinne des Wortes selbst in der Hand, so Kneidinger im Gespräch mit der FAZ. Aus dieser Kontroll-Möglichkeit entsteht oft ein Suchtverhalten: Experten sind sich einig, dass Selfies digitale Drogen sind. Viele Menschen sind inzwischen abhängig davon, Bilder von sich zu posten und im Rausch der Anerkennung zu schweben: Ein Herzchen, ein Daumen hoch – oder im besten Fall ein positiver Kommentar – sorgen für Bauchkribbeln, ähnlich dem des Verliebtseins.

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Autorin des Textes: Ricarda Landgrebe // Dieser Text ist zuerst erschienen in der FOGS-Herbstausgabe 2018 – hier nachbestellen.

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