Es ist eigentlich paradox: Selbst sehen wir Reisen schon als eine Art Grundbedürfnis, verstehen uns aber nicht als Touristen im klassischen Sinn – sind sogar genervt von ihnen. Authentisch sollen unsere Urlaubserlebnisse sein – Massenabfertigung in Club-Hotels, sich an Sehenswürdigkeiten vorbeischlängelnde Menschenmassen und billige Souvenirläden passen nicht mehr in unsere Auffassung von Erholung.

Overtourism: Nicht einmal Touristen mögen Touristen

Wenn nicht einmal wir Touristen selbst Touristen mögen, wie muss es dann den Einheimischen an den schönsten Orten der Welt gehen? Wenn Reisende zunehmend zum Störfaktor werden, der das Alltagsleben zunehmend belastet sprechen wir von „Overtourism“, von dem eine wachsende Anzahl von Orten betroffen ist: Barcelona, Venedig oder Hallstatt sind die Paradebeispiele des Phänomens: So kommen in der italienischen Hafenstadt mittlerweile über 60.000 Touristen auf schätzungsweise 5.000 verbliebene Venezianer im Zentrum – und das jeden Tag. Aber auch ehemals abgeschiedene Naturziele wie Island oder Inseln im südostasiatischen Raum sind von der Touristenflut betroffen.

Mehr als 1,4 Milliarden Reisende im Vorjahr

Immerhin reisten 2018 über 70 Millionen Deutsche ins Ausland – und damit sind nur Reisen mit einer Dauer von 5 Tagen oder länger gemeint. Die Anzahl der Kurzurlaubsreisen der Deutschen zwischen zwei und vier Tagen betrug im selben Jahr rund 88 Millionen! Overtourism ist in aller Munde – und wurde vom Oxford English Dictionary 2018 unter anderen zum Wort des Jahres gekürt. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Laut dem World Tourism and Travel Council verreisten im Jahr 2018 mehr als 36 % aller 1,4 Milliarden internationaler Touristen in einer der 300 populärsten Städte – Tendenz steigend.

Die schönsten Orte der Welt wehren sich

Kein Wunder, dass an immer mehr Orten der Welt Touristen nicht mehr gern gesehen werden: So wurde letztes Jahr die philippinische Insel Boracay für sechs Monate gesperrt, da die für ihre besonders pittoresken Sandstrände bekannte Insel durch die Touristenmassen massive Probleme mit dem Schutz der Umwelt hatte. Heute darf Boracay nur noch von 19.000 Besuchern pro Tag betreten werden.

Nicht mal vermeintlich menschenfeindliche Orte wie der Mount Everest (Stichwort Todeszone!) bleiben von Overtourism verschont: So musste die chinesische Regierung dieses Jahr das Basislager für Personen ohne Klettererlaubnis absperren. Der Grund: Unmengen an Müll in Form von Zelten, Kletterausrüstung oder leere Gasflaschen verschmutzten den höchsten Berg der Erde. Nepal führte deshalb eine Müll-Kaution von 4.000 Dollar ein – wer mit mindestens acht Kilo Müll ins Tal zurückkehrt, erhält sein Geld zurück.

Auch für die Tierwelt ist das Touristen-Problem kein einfaches: Auf der Insel Komodo östlich von Bali leben mehrere tausend Komodowarane, die als „die letzten Drachen der Welt“ gelten und durch die Vielzahl von Schaulustigen bedroht sind. Deshalb will Indonesien seine „Dracheninsel“ das ganze Jahr 2020 für Touristen sperren.

Die niederländische Hauptstadt Amsterdam setzt deutliche Maßnahmen im Kampf gegen den chronischen Touristen-Überschuss: Prognosen zeigen, dass sich die Zahl der Besucher von 18 Millionen im Jahr 2018 auf 42 Millionen im Jahr 2030 erhöhen könnten. Deshalb hat man kurzerhand beschlossen, auf Werbung zu verzichten. „Destination managemant“ statt „destination promotion“, wie es aus dem Tourismusbüro der Stadt heißt. So soll die Aufmerksamkeit der Reisenden verstärkt auf andere niederländische Städte gelenkt und diese wirtschaftlich gefördert werden.

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Müssen wir aufhören, zu reisen?

Müssen wir jetzt komplett aufhören zu reisen? Nein. Wie bei den meisten Dingen, wenn es um nachhaltiges und achtsames Leben geht, würde es schon helfen, es zu reduzieren. Es nicht länger als Statussymbol zu betrachten, mehrmals im Jahr Städtetrips und Fernreisen zu unternehmen, sondern im Gegenteil – auch mal zuhause bleiben können, wenn uns Instagram und Co. suggerieren, das wahre und aufregende Leben fände in fremden Ländern und auf weißen Sandstränden statt.

Und wenn schon Tourist sein, dann durchdacht. Hier lest ihr zum Beispiel, wie man auch Fernreisen auf ethische Weise planen und begehen kann. Oder: Statt den üblichen Touristenhotspots könnten wir auch einfach mal völlig unbekannte Orte auswählen, in denen Umweltbewusstsein und ein Einklang mit der Natur auch den Gästen vermittelt werden.

Tipp ohne Overtourism: Storfjord in Norwegen

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Habt ihr zum Beispiel schon mal was von Glomset in den Sunnmøre Alpen gehört? Wir auch nicht – und genau deshalb ist es eine Reise wert. Dort gibt es ein abgelegenes Eco-Luxury-Boutique Hotel, mit wunderbaren Blick auf den gleichnamigen Storfjord und die umliegenden Berge. Das Storfjord Hotel selbst ist auf Ruhe und Entspannung ausgerichtet, norwegische Traditionen treffen auf modernes Design, gemütliche, hölzerne Architektur und es gibt hochwertige, regionale Fine-Dining-Küche. Und das wichtigste: So wenige Touristen, dass man selbst gern wieder eine(r) ist.


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